Dreiseithof Johannsen: Zentrum der Funkamateure

Scheggerott/hjk

Hightech unter dem Dachboden: Emil Johannsen funkt gerade mit einem Radioamateur auf Hawaii. (Foto: Köhler)

Dreiseithöfe in Angeln sind immer für eine Überraschung gut. Dies gilt in besonderer Weise für den Hof von Emil und Maren Johannsen in Scheggerott. Denn vom Dachboden des Wohnhauses aus wird privat in alle Welt gefunkt - nicht nur zum „Spaß“, sondern nahezu professionell. Auf der Hofanlage stehen sechs Funkmasten, darunter drei russische aus dem „Nachlass“ der DDR-Volksarmee. Hier unterhält  außerdem der Deutsche Amateur-Radioclub Süderbrarup - Kennzeichen DL 0 CS - seine mit Hightech gespickte zentrale Kurzwellenstation. Deren Herzstück ist eine rund um die Uhr betriebene und von Computern gesteuerte „Aurora-Bake“, die alle Veränderungen der Sonnenflecken registriert und das Magnetfeld der Erde misst.

Emil Johannsen sagt nicht ohne Stolz: „Unsere Bake ist die einzige in der Welt, die von Amateuren betrieben wird.“ Der Funkverkehr über Kurzwelle wird von den Sonnenflecken erheblich beeinflusst. Selbst die in Afghanistan eingesetzten Einheiten der Bundeswehr rufen die Daten von der Scheggerotter „Dreiseithof-Bake“ ab, um günstige Bedingungen für ihren Sprechverkehr mit Deutschland herauszufinden. Dass die 80 Funkamateure des Süderbraruper Clubs bei europäischen Wettbewerben wie den so genannten „Fielddays“ schon etliche Meisterschaften und Pokalsiege eingeheimst haben, soll nicht unerwähnt bleiben.

Den Annalen nach ist Emil Johannsen der 22. Eigentümer dieser stattlichen Hofanlage. Die lange Liste der hier ansässigen Bauern reicht bis ins Jahr 1557 zurück und wird von einem Gründer namens Timmer Matzen angeführt. Die Großeltern der heutigen Hausherrn übernahmen den Betrieb 1889. Die Dreiseitanlage besteht möglicherweise in ihrer Urform seit 250 Jahren. „Wir haben darüber keine Unterlagen“, sagt der 75-Jährige, der fast 30 Jahre lang Bürgermeister von Scheggerott und zwei Jahrzehnte lang - bis 2003 - als Süderbraruper Amtsvorsteher die kommunalpolitische Entwicklung im südlichen Angeln maßgeblich mitbestimmte.

Im Wohnhaus mit seinen acht Zimmern lebt die Familie zu Dritt, mit Maren Johannsens Mutter. Im Abnahmehaus wohnt eine Tochter. Eine der Scheunen, einst Kuhstall, danach Schweinestall für 120 Tiere, wird seit dem Eintritt Johannsens in den Ruhestand privat genutzt, das gegenüber liegende Gebäude ist inzwischen vermietet und beherbergt unter anderem ein Boot. Bis 1992 bewirtschaftete Emil Johannsen seinen 40-Hektar-Betrieb nach der althergebrachten Weise: Das geerntete Getreide für Mensch und Tier wurde - noch am Halm - ins Scheunenlager transportiert und bis unters Dach verstaut. Erst im Winter später war die Zeit für den Drusch gekommen. Erst als überall der Mähdrescher eingeführt wurde, endete diese Ära.
Zu einem aus heutiger Sicht bedeutsamen Kapitel der Hofgeschichte zählen jene Jahre ab 1902, als sich der Schwiegervater des damaligen Hofbesitzers Asmus Johannsen, der Malermeister Hinrich Hinrichsen aus Kius, im Altenteilerhaus einquartierte. Als 57-Jähriger wollte Hinrichsen nicht länger die Wände und Fenster streichen, sondern sich in der Landwirtschaft nützlich machen. Doch hatte er für diese Arbeit offenbar kein Talent: Asmus Johannsen komplimentierte ihn aus dem Kuhstall „für immer“ hinaus.

Maren und Emil Johannsen zeigen auf ihrem Dreiseithof ein Gemälde von Hinrich Hinrichsen, der hier 22 Jahre lebte und malte. (Foto: Köhler)

Letztlich erwies sich dieser Rausschmiss als ein Glücksfall, denn fortan machte sich Hinrichsen mit dem Fahrrad und einer Plattenkamera auf den Weg von Hof zu Hof und verwandelte die Schwarz-Weiß-Aufnahmen in einem Arbeitszimmer des Johannsen-Hofs in Ölgemälde. Bis zu Hinrichsens Tod 1924 entstanden in Scheggerott rund tausend Bilder, auf Pappe für zehn und auf Leinwand für 20 Mark pro Stück. Allein das Motiv des Johannsenhofs verewigte er aus unterschiedlichem Blickwinkel sechs Mal. Niemand ahnte vor hundert Jahren, dass das Werk des Autodidakten und Laienmalers Hinrich Hinrichsen eines Tages in der Landschaft Angeln als wichtiges kulturelles Erbe gewürdigt und den Weg bis in die Museen von Unewatt und Altona und in ein ihm gewidmetes „Bilder-Buch“ machen würde.

Mit gewisser Sorge blickt das Ehepaar Johannsen auf die Zukunft der beiden Scheunen - und damit auf den Erhalt des dreiteiligen Gebäudeensembles. Die Kernfrage lautet: Wie lange halten noch die alten Scheunendächer? Sollte es irgendwann überall durchregnen, dann würde eine Sanierung schier unbezahlbar für die Eigentümer werden. „In diesem Fall droht ein Abriss“, sagt Emil Johannsen, fügt aber zu: Wir möchten doch vermeiden, dass aus unserer schönen Hofanlage ein Torso wird.“